Interview mit Bernd Schlacher: Hotel MOTTO – Wien trifft Paris in den 1920ern
Eine geschäftige Einkaufsstraße in Wien, kurz vor neun. Vieles hat noch geschlossen, und doch ist der baldige Trubel schon spürbar. Es mag verwundern, dass sich in dem ausgebauten Eckhaus sogar ein U-Bahn-Eingang befindet, denn kaum öffnet man die Tür nebenan zum Hotel MOTTO, gelangt man in eine Welt irgendwo zwischen dem Paris und dem Wien der 1920er-Jahre.

Sanfte französische Loungemusik, verspielte Tapeten, ornamentale Fliesen, Details aus Messing sowie ein Gastgeber, der die Gastgeberrolle schon durchgespielt hat.
Bernd Schlacher ist ein Urgestein der Wiener Gastroszene. Er kannte Falco und Elton John, war mit 22 Jahren schon Eigentümer eines Restaurants und es scheint, als könne ihn nichts erschüttern … „Was mach ma?“, fragt er mich mit gelassener Stimme, als wir in seinem Hotelrestaurant Platz nehmen. Ich hoffe, ein Gespräch über das Gastgeberdasein führen – mit Fragen, die er nicht schon unzählige Male beantwortet hat.

Gastgebergeschichten aus 44 Jahren
Aus welchen Begegnungen als Gastgeber sind schöne Anekdoten geworden?
In 44 Jahren gab es so einige. Aber die wirklich lustigen fallen unter die Schweigepflicht. Mir hat es immer sehr viel Spaß gemacht, mit Gästen zu arbeiten, egal ob mit Falco, Fendrich, Elton John, Touristen oder Studenten. Es haben sich wahnsinnig viele Menschen bei mir kennengelernt. Es kommen heute 70-, 80-Jährige mit Enkelkindern zu mir. Drei Generationen haben mit mir schon gefeiert. Das ist etwas Besonderes.
Keine Langeweile – Musik als Lebensgefühl
Sie sagen, dass Sie keine Langeweile mögen. Wie schafft man es, dass Gäste im Restaurant garantiert nicht zu gähnen beginnen?
Mit Musik! Die kann leise im Hintergrund spielen und später auch lauter werden. Es muss etwas los sein. Das Leben ist schon anstrengend genug, die Leute sollen Spaß haben dürfen.
Die cerise sur le gâteau der Gastfreundschaft
Betthupferl, sich die Namen der Gäste merken … Was ist für Sie persönlich die cerise sur le gâteau der Gastfreundschaft?
Die Freundlichkeit. Die persönliche Beziehung zum Gast, so wie man sie früher beim Kirchenwirt am Land hatte, wo der Herr Franz oder die Frau Franziska schon genau wusste, wie man den Kaffee mag, bevor man ihn bestellt. Das ist ein wichtiges Kulturgut.
Gastgeber sein – auf Augenhöhe
Eine Frage, die sich zum Schluss fast schon aufdrängt: Gibt es ein Motto, an das Sie sich in Bezug auf Gastfreundschaft halten?
Für mich heißt Gastgeber sein, immer ehrlich zu den Menschen zu sein. Auf Augenhöhe. Da ist es egal, ob Präsident oder Student. Der eine ist genauso wichtig wie der andere.
Chez Bernard: ein Wohnzimmer auf Französisch
CHEZ BERNARD – wir sind jetzt ein bisschen bei Ihnen zu Hause, vielleicht in der französischen Version Ihres Wohnzimmers. Liege ich mit diesem Eindruck richtig?
Ja, zu 100 Prozent. Vor elf Jahren habe ich überlegt: Was mache ich aus dem alten Hotel Kummer? Ich liebe Paris, ich liebe Wien. Die 1920er-Jahre waren eine Zeit des Aufschwungs, des Feierns. Eines Tages entstand die Idee bei einem Kaffee mit einer lieben Freundin. Das Thema wurde dann bis ins kleinste Detail umgesetzt. Ich setze nicht auf Trends. Wenn ich etwas einrichte, muss es langfristig und langlebig sein. Und es muss Charme haben und gemütlich sein.
Französische Finesse trifft Wiener Charme
In Ihrem Haus treffen französische Finesse und Wiener Charme aufeinander. Wie gut passen diese beiden Welten für Sie zusammen?
Das passt wahnsinnig gut zusammen, wenn man daran denkt, wie Wien vor dem Zweiten Weltkrieg war. Wir haben ja auch noch viele französische Begriffe wie Beletage, Trottoir, Pläsier. Und das Croissant ist aus dem Kipferl entstanden.
Vom Restaurant zum Boutiquehotel
Mit dem Hotel haben Sie das Thema Gastfreundschaft nach zahlreichen Lokalen und dem Catering auf ein neues Level gehoben – wie empfinden Sie den Sprung?
Es war ein heimlicher Wunsch von mir. Dann ist es halt passiert. Mir war es wichtig, dass die Rezeption besetzt ist, dass hier Menschen sind und es nicht anonym ist. Die Gastgeberrolle hat sich dabei nicht verändert, nur erweitert. Früher haben die Gäste nur gegessen und getrunken. Jetzt schlafen sie halt auch da.
Privat und professionell Gastgeber sein
Wie unterscheidet sich Ihre private Gastgeberrolle von der professionellen?
Ich bin sowohl zu Hause als auch in den Betrieben gerne Gastgeber. Mir ist es hier und da wichtig, dass Servietten am Tisch liegen, dass frisch gekocht wird, dass Kerzen brennen und frische Blumen da sind. Man muss seine Rolle natürlich ein wenig anpassen, je nachdem, wen man begrüßt. Darf man „du“ sagen oder nicht?





Hotel MOTTO – Österreich / Wien / Mariahilf
Elegantes Boutiquehotel in einem historischen Gebäude, in dem Paris und Wien eine Liaison eingehen – mit Rooftop-Restaurant und französischer Bäckerei.
