K5 Hotel Tokio – Was passiert, wenn Räume keine festen Grenzen haben?
In einem Hotelzimmer steht das Bett normalerweise an der Wand. Der Flur endet an der Zimmertür. Und wenn irgendwo etwas einen Riss bekommt, wird es repariert. Logisch. Bis man das K5 Hotel Tokio betritt. Denn hier beginnt erstaunlich vieles mit einer einfachen Frage: Warum muss es eigentlich so sein?

Ein Haus, das seine Vergangenheit nicht versteckt
1923 entsteht im Tokioter Finanzviertel Kabutochō ein Bankgebäude, entworfen vom japanischen Architekten Yoshitoki Nishimura. Fast hundert Jahre später stehen die schwedischen Architekten von Claesson Koivisto Rune im selben Haus – mit der Aufgabe, daraus etwas völlig Neues zu machen.
Sie beginnen nicht von vorne. Als das K5 Hotel Tokio 2020 eröffnet, darf man dem Gebäude sein Alter weiterhin ansehen. Roher Beton bleibt sichtbar, historische Parkettböden, Fenster, hohe Räume und Spuren verschiedener Zeiten werden bewahrt. Alt und neu versuchen hier nicht, sich gegenseitig zu verdrängen. Vielleicht funktioniert gerade deshalb so gut, was danach passiert. Denn hinter den fast hundert Jahre alten Mauern ist kein Hotel entstanden, das nur zurückblickt. Sondern ein Ort, an dem offenbar niemand Angst davor hatte, ein paar ungewöhnliche Fragen zu stellen.


Wenn Räume ihre Regeln ändern
Die Korridore wurden auf die lautere, der Straße zugewandte Seite des Gebäudes gelegt – weiter weg von den Hotelzimmern. Das Bodenmuster wiederum läuft einfach durch die Zimmertür hindurch weiter. Fast so, als hätte jemand vergessen, die Grenze zwischen Flur und Zimmer einzuzeichnen. Und dann ist da das Bett. Mitten im Raum. Darüber hängt ein großer, kreisförmiger Vorhang aus transparentem, indigogefärbtem Stoff. Zieht man ihn zu, entsteht ein eigener Raum im Raum. Öffnet man ihn wieder, gehört alles zusammen. Die Idee erinnert auch an die japanische Tradition von Tatami und Futon, bei der der Schlafplatz nicht automatisch durch ein dauerhaft an einer Wand stehendes Möbelstück bestimmt wird.


Und wer jetzt denkt, damit wären die ungewöhnlichen Ideen abgehakt, sollte ein paar Stockwerke nach unten gehen. Im Erdgeschoss gehen unterschiedliche gemeinschaftliche und gastronomische Bereiche ineinander über. Und im Untergeschoss versteckt sich sogar eine Beer Hall – der Tokioter Standort der Brooklyn Brewery. Oben, auf den Hoteletagen, beginnt währenddessen eine völlig andere Welt: die der Ruhe. Ein Gebäude. Unzählige Rollen. Und immer weniger Gründe, zwischen ihnen klare Grenzen zu ziehen.
Dafür gibt es sogar ein Wort
Aimai. Ein japanischer Begriff für etwas, das nicht eindeutig definiert ist. Etwas, das irgendwo dazwischenliegt. Dessen Grenze sich nicht ganz klar ziehen lässt. Die Architekten von Claesson Koivisto Rune machten genau diesen Gedanken zu einem der Grundprinzipien des K5. Und plötzlich ergibt alles, was wir bisher gesehen haben, Sinn. Der Flur darf ein bisschen Teil des Zimmers sein. Ein Raum kann mehrere Funktionen haben. Ein Vorhang kann einen neuen Raum entstehen lassen. Und ein fast hundert Jahre altes Gebäude kann gleichzeitig seine Vergangenheit bewahren und etwas völlig Neues beginnen.
Man muss sich nicht entscheiden. Vielleicht ist genau das der spannendste Teil des Designs im K5. Es funktioniert nicht deshalb, weil möglichst viele schöne Dinge darin platziert wurden. Sondern weil wir plötzlich anders auf Dinge schauen, die wir längst für selbstverständlich gehalten haben.


Ein Riss aus Gold
Früher oder später bekommt selbst die schönste Architektur einen Kratzer. Oder eben einen Riss. In den gefliesten Bereichen der oberen Etagen können durch die Bewegungen des alten Gebäudes feine Risse entstehen. Man könnte die betroffenen Fliesen austauschen und so tun, als wäre nie etwas passiert. Im K5 entschied man sich für eine andere Lösung. Die Risse werden mit Gold hervorgehoben – angelehnt an die japanische Idee des Kintsugi, bei der Beschädigungen nicht versteckt, sondern sichtbar Teil der Geschichte eines Gegenstands werden. Und eine passendere Antwort könnte dieses Haus kaum finden. Ein Gebäude von 1923 muss nicht aussehen, als wäre es 2020 gebaut worden.
Ein Hotel muss nicht nur Hotel sein. Ein Bett muss nicht an der Wand stehen. Und etwas muss nicht verschwinden, nur weil es nicht perfekt ist. Das ehemalige Bankgebäude ist heute Teil eines neuen Kapitels für Kabutochō – ein Viertel, das selbst nach einer neuen Rolle gesucht hat und bei dessen Wiederbelebung auch das K5 eine Rolle spielen sollte. Und wir? Wir haben am Ende ein neues japanisches Wort gelernt, sind im Keller einer ehemaligen Bank auf ein Bier gegangen, haben ein paar Grenzen überschritten, ohne es überhaupt zu merken, und festgestellt, dass selbst ein Riss nicht unbedingt ein Problem sein muss.

Bleibt eigentlich nur noch eine ziemlich einfache Frage:
Warum eigentlich nicht?

