Torel Palace Porto – Zwischen Erbe und Entwurf
Ein Palast von 1861, Porträts portugiesischer Dichter in kunstvollen Stuckdecken, zeitgenössische Kunst in historischen Räumen und ein Restaurant, das von einem der bekanntesten Romane José Saramagos inspiriert wurde. Die Geschichte des Torel Palace Porto begann lange bevor das Haus zum Hotel wurde – und genau darin liegt die Idee für das, was es heute ist.


Der Blick geht nach oben. Von der Decke eines Hotelzimmers schaut Luís de Camões zurück. Und er war schon lange dort, bevor irgendjemand entschieden hatte, dass dieser Palast einmal ein Hotel werden würde. Der Palacete Campos Navarro wurde 1861 für António de Campos Navarro als eine der prachtvollsten Privatresidenzen Portos erbaut. Das Interesse der Familie an Kunst und Literatur hinterließ Spuren im Haus: In den kunstvollen Stuckdecken fanden portugiesische Persönlichkeiten der Literatur ihren Platz. Mehr als eineinhalb Jahrhunderte später waren es genau diese Details, die mitbestimmten, welche Geschichte das Gebäude weitererzählen sollte.

Der Anfang an der Decke
Die originale Büste von Luís de Camões befindet sich noch heute in einem der Zimmer. Ebenso jene von Almeida Garrett. Sie landeten nicht in einer Vitrine, sondern wurden zum Ausgangspunkt für etwas Neues. Heute sind die 24 Zimmer und Suiten portugiesischen Schriftstellern und Dichtern gewidmet – darunter Fernando Pessoa, Florbela Espanca, Sophia de Mello Breyner Andresen, Camões und Eça de Queiroz. Zu den historischen Porträts kamen zeitgenössische Arbeiten von Jorge Curval, während in den alten Räumen überraschend moderne Elemente auftauchen.
In manchen Zimmern steht zum Beispiel ein großer, vollständig verspiegelter Kubus. Sieht aus wie zeitgenössische Kunst. Ist das Badezimmer. Und vielleicht erzählt gerade dieses Detail besonders viel über das Torel Palace Porto. Die Vergangenheit ist geblieben, aber niemand versucht so zu tun, als wäre noch immer 1861.


Was es zu bewahren galt
Zu den eindrucksvollsten historischen Elementen des Palastes gehört die Claraboia, das kunstvoll gestaltete Oberlicht über dem Gebäude. Unter ihren acht dekorativen Motiven finden sich neben pflanzlichen Elementen auch Merkur, Minerva sowie Symbole für Industrie und Schifffahrt. Ihre Restaurierung war so aufwendig, dass sich die Arbeiten am Gebäude dadurch um mehrere Monate verlängerten. Darin zeigt sich auch das Gleichgewicht, das sich durch das gesamte Haus zieht: Bestimmte Details wurden sorgfältig bewahrt, während direkt daneben etwas Neues entstehen durfte. Historischer Stuck und zeitgenössische Porträts. Camões an der Decke und ein modernes Hotel darunter. Man musste sich nicht zwischen beidem entscheiden.

Wenn man ein Buch nicht mehr liest, sondern erlebt
Die Literatur endet allerdings nicht an den Zimmertüren. Das Restaurant BLIND ist von José Saramagos Roman Die Stadt der Blinden inspiriert. Was das mehrgängige Menü bereithält, wissen die Gäste nicht im Voraus. Während des Erlebnisses kann das Sehen zeitweise in den Hintergrund treten, während Geschmack, Duft, Klang und Textur umso wichtiger werden. Literatur ist hier plötzlich nicht mehr etwas, das wir an der Decke betrachten oder im Namen eines Zimmers wiedererkennen. Sondern etwas, das wir erleben.


Eine Geschichte, die weitergeschrieben wird
Bei der Bewahrung eines historischen Gebäudes geht es schnell darum, die Zeit möglichst anzuhalten. Im Torel Palace Porto ist etwas anderes passiert. Die Camões-Büste blieb. Der Stuck blieb. Die Claraboia blieb. Gleichzeitig kamen neue Porträts zu den alten, die Namen von Schriftstellern an die Zimmertüren und aus einem Roman wurde ein kulinarisches Erlebnis. Die Geschichte des Palacete Campos Navarro endete also weder 1861 noch in dem Moment, als daraus ein Hotel wurde.
Das Torel Palace Porto geht mit seiner Vergangenheit vielmehr um wie mit einem Buch, dessen letzte Seite jemand ganz bewusst leer gelassen hat.
Damit noch Platz bleibt, sie weiterzuschreiben.

